{"id":135,"date":"2025-06-08T13:42:07","date_gmt":"2025-06-08T13:42:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/?p=135"},"modified":"2025-06-08T17:10:15","modified_gmt":"2025-06-08T17:10:15","slug":"damit-du-dich-im-viertel-nicht-verirrst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-slawig.de\/?p=135","title":{"rendered":"Damit du dich im Viertel nicht verirrst"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"is-style-text-subtitle is-style-text-subtitle--1 wp-block-paragraph\">Patrick Modiano<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"260\" height=\"405\" src=\"https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/modiano1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-136 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/modiano1.jpg 260w, https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/modiano1-193x300.jpg 193w\" sizes=\"auto, (max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\" style=\"line-height:1.2\">\u00dcbersetzung: Elisabeth Edl<br>Hanser Verlag 2015<br>dtv Taschenbuch 2016<br>EAN 9783423145404<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\" style=\"line-height:1.2\">Original: Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier<br>Gallimard 2014<br><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Themen Leere und Einsamkeit spielen in diesem Roman von Anfang an eine zentrale Rolle. Gleich auf der ersten Seite hei\u00dft es: \u201eUnd dieses Klingeln [des Telefons], an das er seit langem kaum noch gew\u00f6hnt war [\u2026]\u201f, einige Seiten sp\u00e4ter: \u201e[Die Hitze] verst\u00e4rkte seine Einsamkeit. Sie zwang ihn, in diesem Zimmer eingeschlossen zu bleiben bis Sonnenuntergang\u201f und \u201eIn dieser Einsamkeit hatte er sich so leicht gef\u00fchlt wie nie zuvor [\u2026]\u201f.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu kommen indirekte Hinweise darauf, dass der Protagonist ein sehr stilles Leben f\u00fchrt: \u201eDas Telefon hatte am Nachmittag gegen vier bei Jean Daragane geklingelt, in dem Zimmer, das er \u201eB\u00fcro\u201c nannte. Er war eingenickt auf dem Kanapee [\u2026]\u201f Und auf das verlorene Adressbuch bezogen: \u201eOhne den Anruf des Unbekannten h\u00e4tte er den Verlust dieses B\u00fcchleins f\u00fcr immer vergessen. Er versuchte sich an Namen zu erinnern, die darinstanden.\u201f<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich wird aber deutlich gemacht, dass Daragane nicht immer so einsam gelebt hat: \u201eKeiner von den Namen geh\u00f6rte Personen, die in seinem Leben gez\u00e4hlt hatten \u2013 deren Adressen und Telefonnummern hatte er nicht aufschreiben m\u00fcssen [\u2026]\u201f \u2013 \u201eAber diese ganze Vergangenheit war so durchscheinend geworden mit der Zeit \u2026 ein Dunst, der sich aufl\u00f6ste in der Sonne.\u201f \u2013 \u201eUnd bei den zwei oder drei fehlenden Nummern, jenen, die f\u00fcr ihn gez\u00e4hlt hatten und die er auswendig wusste, da w\u00fcrde niemand mehr abheben.\u201f<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So wird deutlich, dass Daragane nicht von Natur aus ein Menschenfeind ist, sondern dass ihm etwas verloren gegangen ist. Fr\u00fcher einmal hat er offenbar ein ereignisreiches Leben gef\u00fchrt \u2013 das erkennt man auch daran, dass er bei Ottolonis Anruf augenblicklich Gefahr wittert: \u201eEine weiche und bedrohliche Stimme. Das war sein erster Eindruck.\u201f Eine Seite sp\u00e4ter ist gar von \u201eErpressertonfall\u201f die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und noch etwas kommt hinzu: Der Protagonist bewegt sich durch leere R\u00e4ume. In dem Caf\u00e9, in dem er sich mit dem Anrufer trifft, h\u00e4lt sich au\u00dfer ihnen niemand auf, nicht einmal die Bedienung l\u00e4sst sich blicken. Der Boulevard Haussmann, den er anschlie\u00dfend betritt, ist ebenfalls menschenleer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessanterweise werden hier st\u00e4ndig Motive benutzt, die man spontan mit Geselligkeit, mit Kontakt, mit Gespr\u00e4ch assoziiert: Kneipe, Boulevard, Adressbuch, Telefon. W\u00e4hrend der Roman uns also ein einsames, stilles Leben vorf\u00fchrt, erinnert er uns zugleich daran, dass es durchaus N\u00e4he und Lebendigkeit auf der Welt gibt, dass es auch f\u00fcr den Protagonisten einmal Menschen gab, an denen ihm etwas lag. Und ab und zu schimmert die<br>Sehnsucht nach einer Begegnung durch:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eOft, an manchen Nachmittagen voller Einsamkeit, hatte er getr\u00e4umt, das Telefon w\u00fcrde klingeln und eine sanfte Stimme w\u00fcrde ihm ein Treffen vorschlagen.\u201f<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund der Einsamkeit und Leere wird Daragane nun in einen Kampf ums Sich-Erinnern verwickelt. Die Rollen sind dabei ungew\u00f6hnlich verteilt, denn Daragane will sich nicht gar erinnern. Er wehrt sich gegen die Einfl\u00fcsse, die ihn dazu zwingen m\u00f6chten. Er hat sich von der Vergangenheit gel\u00f6st (jedenfalls scheint es so auf den ersten Blick), er will nichts mehr von ihr wissen. Als er das alte Adressbuch zur\u00fcckerh\u00e4lt, denkt er spontan daran, es zu verbrennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forderung, sich zu erinnern, wird von Gilles Ottoloni an ihn herangetragen, dem Fremden, der das Buch gefunden hat. Ottoloni fragt hartn\u00e4ckig nach einem bestimmten Namen in diesem Adressbuch, und seine Freundin Chantal Grippay dr\u00e4ngt Daragane, Ottoloni zu helfen. Sie l\u00e4dt Daragane in ihre Wohnung ein, kopiert ihm Material zu einem alten Kriminalfall, besucht ihn sp\u00e4t nachts in seiner Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daragane dagegen sperrt sich. Der Name im Adressbuch sagt ihm nichts, die getippten Unterlagen findet er unlesbar, eine Buchstabenw\u00fcste, v\u00f6llig wirr. Er l\u00e4sst die Angriffe ins Leere laufen \u2013 buchst\u00e4blich: Sie verpuffen in der W\u00fcste des Nicht-Erinnerns, in der er zu existieren scheint. Tats\u00e4chlich ist die Leere also mehr als nur der Hintergrund f\u00fcr die Handlung: Sie ist der Schutzschild, hinter dem sich Daragane verbirgt. Seine Gegner bekommen ihn nicht fassen, sie tasten hilflos im Nichts umher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch wir Leser:innen wissen nie genau, woran wir uns halten sollen. Erinnert sich Daragane wirklich nicht, oder tut er nur so? Warum glaubt er augenblicklich, Ottoloni wolle ihn erpressen, wenn er \u00fcber die Kriminalgeschichte nichts wei\u00df? Der Roman spricht nicht nur von Leere, er erzeugt auch einen erz\u00e4hlerischen Raum, in dem alles vage und diffus bleibt. Der Protagonist entzieht sich, er l\u00e4sst sich nicht fassen. Das muss man m\u00f6gen \u2013 wer Spurensuchen nur sch\u00e4tzt, wenn sie zu greifbaren Ergebnissen f\u00fchren, hat hier einiges auszuhalten. Es ist kein Zufall, dass schon im Titel von Verirren die Rede ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch w\u00e4hrend Ottoloni und Grippay sich vergeblich abm\u00fchen, Daragane eine Auskunft zu entlocken, findet auf einer zweiten Ebene ein weiterer Angriff auf Daraganes Ged\u00e4chtnis statt. Die Lage des Bistros, in dem sich Ottoloni mit ihm trifft, der Vorname Chantal, Ottolonis Adresse, das Buch \u00fcber Rennbahnen, das zuf\u00e4llig auf Grippays Nachttisch liegt \u2013 \u00fcberall sind Bez\u00fcge zu Daraganes Vergangenheit versteckt. Hier hat sein Vater gearbeitet, dort hat er selbst einmal gewohnt \u2026 <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4testens hier sollte man aufh\u00f6ren zu fragen, wie realistisch das alles ist. Wir befinden uns nicht in einem Kriminalroman, sondern in einem Text, der Vergessen und Erinnern greifbar zu machen versucht. Die vielen zuf\u00e4lligen Bez\u00fcge zu Daraganes fr\u00fcherem Leben sind Hinweise, dass sich etwas in ihm zu erinnern beginnt, sich erinnern will. Daragane spielt zwar immer wieder mit dem Gedanken, diesen Prozess zu beenden: das Adressbuch verbrennen, beim Telefonieren einfach auflegen, sich beim Treffen mit Ottoloni aus dem Staub machen. \u201eDoch er besann sich.\u201c Er l\u00e4sst das Sich-Erinnern geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst erinnert sich Daragane nur an den Mann, dessen Namen Ottoloni im Adressbuch gefunden hat, doch das erweist sich als der lose Faden, von dem aus sich das gesamte Gewebe aufribbeln l\u00e4sst. In Ottolonis Material finden sich immer mehr Dinge, die Daragane vertraut sind. Vor allem ein Name: Annie Astrand.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEine ferne Stimme, sehr sp\u00e4t im Radio eingefangen, und du sagst dir, sie richtet sich an dich und will dir eine Botschaft \u00fcbermitteln.\u201c <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit \u00e4ndert sich die Dynamik der Geschichte. Daragane beginnt, aktiv nach Spuren seiner Vergangenheit zu suchen, und der Roman springt immer \u00f6fter in die Vergangenheit zur\u00fcck. Interessanterweise verschwinden zugleich Ottoloni und Grippay aus dem Roman: Nachdem sie Daragane anfangs f\u00f6rmlich belagert haben, h\u00f6rt er nun nichts mehr von ihnen. Als br\u00e4uchte sein Ged\u00e4chntnis den Ansto\u00df von au\u00dfen nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch auch in dieser zweiten H\u00e4lfte bleibt sich der Roman treu: Gesicherte Erkenntnisse werden nicht geliefert. Tats\u00e4chlich erf\u00e4hrt man nur recht wenig \u2013 trotzdem sp\u00fcrt man das Gewicht dieser Erinnerungen, gerade weil sie f\u00fcr sich allein in der Leere stehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patrick Modiano \u00dcbersetzung: Elisabeth EdlHanser Verlag 2015dtv Taschenbuch 2016EAN 9783423145404 Original: Pour que tu ne te perdes pas dans le quartierGallimard 2014 Die Themen Leere und Einsamkeit spielen in diesem Roman von Anfang an eine zentrale Rolle. 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