{"id":108,"date":"2025-06-08T13:41:47","date_gmt":"2025-06-08T13:41:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/?p=108"},"modified":"2025-06-08T13:41:47","modified_gmt":"2025-06-08T13:41:47","slug":"ein-untadeliger-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-slawig.de\/?p=108","title":{"rendered":"Ein untadeliger Mann"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"is-style-text-subtitle is-style-text-subtitle--1\">Jane Gardam<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"619\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gardam1-619x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-110 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gardam1-619x1024.jpg 619w, https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gardam1-181x300.jpg 181w, https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gardam1-768x1271.jpg 768w, https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gardam1-928x1536.jpg 928w, https:\/\/www.barbara-slawig.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gardam1.jpg 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 619px) 100vw, 619px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-medium-font-size\" style=\"line-height:1.2\">\u00dcbersetzung: Isabel Bogdan<br>Hanser Verlag 2015<br>dtv Taschenbuch 2017<br>EAN 9783423145671<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\" style=\"line-height:1.2\">Original: Old Filth<br>Chatto &amp; Windus 2004<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Wenn ich <em>Old Filth<\/em> mit einem Wort charakterisieren m\u00fcsste, w\u00fcrde ich sagen: Leichtigkeit. Nicht weil es um leichte Themen ginge (Einsamkeit, Ehebruch, Schuld, Altern und Tod \u2026) oder weil diese Themen ins Leichte und Luftige gezogen w\u00fcrden, sondern weil sich die Erz\u00e4hlstimme so frei und souver\u00e4n durch ihren Stoff bewegt. Von Figur zu Figur, von Zeitebene zu Zeitebene.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim ersten Lesen war ich einfach von der Geschichte und den Figuren fasziniert. Ich bin mit der Erz\u00e4hlstimme durch die Zeiten gesprungen, und auch wenn ich es letztlich besser wusste, war mein Eindruck: Jane Gardam erz\u00e4hlt, wie es ihr gerade einf\u00e4llt. Beim zweiten Lesen hatte ich dann den Ehrgeiz, ihr ein wenig auf die Schliche zu kommen, und habe mir genauer angeschaut, wie sie die Str\u00e4nge miteinander verwebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Beobachtung: Wenn man von wenigen zusammenfassenden Passagen (besonders ganz am Anfang) absieht, behandelt der Roman zwei klar getrennte Zeitabschnitte. Der eine reicht von der Geburt der Hauptfigur Eddie\/Old Filth bis zu dem Tag im Jahr 1947, an dem Coleridge in der Anwaltskanzlei auftaucht, der andere von Veneerings Telefonat mit Betty bis zu Filths Flug nach Asien. Die Jahrzehnte dazwischen werden ausgespart.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Beobachtung: Der Erz\u00e4hlstrang um den jungen Eddie wird zwar immer wieder unterbrochen, verl\u00e4uft in sich aber fast durchg\u00e4ngig chronologisch. Auf die Geburt folgt die Verschickung nach England, dann Wales, dann Sir&#8217;s Schule, dann die weiterf\u00fchrende Schule, der Besuch<br>in Oxford, die erzwungene Evakuierung usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zwei Ausnahmen: Die Ferienzeiten bei den Ingoldbys werden zun\u00e4chst bis zum Kriegsbeginn durcherz\u00e4hlt; dann kommt ein Sprung zum alten Filth (Bettys Tod), und bei der R\u00fcckkehr zum jungen Eddie sind wir bei der Begegnung mit Isobel im Jahr 1936. Die zweite Ausnahme ist eine strategische Aussparung: \u00dcber die Zeit in Wales wird nichts erz\u00e4hlt, der Roman springt hier von der Schiffsfahrt nach England gleich zu dem Tag, an dem die Kinder aus Wales abgeholt werden. Was in Wales passiert ist, wird erst am Ende nachgeliefert, nicht von der Erz\u00e4hlstimme, sondern von den beteiligten Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Erz\u00e4hlstrang um den alten Filth geht es weniger geordnet zu. In der allerersten Szene sind wir an dem Tag, an dem Betty und Filth nach London fahren, es folgt die Wiederbegegnung mit Veneering nach Bettys Tod, dann sind wir wieder bei dem Besuch in London, dann bei Bettys Tod; das alles ist au\u00dferdem durchsetzt mit kurzen Erinnerungsspr\u00fcngen in die fr\u00fchere Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig fand ich, dass auch in diesem Strang eine fast 80 Seiten lange Passage (in der deutschen Ausgabe) chronologisch durcherz\u00e4hlt wird, durchbrochen nur von kurzen Erinnerungen, bei denen man die Zeitebene nie vollst\u00e4ndig verl\u00e4sst. Das ist Filths verr\u00fcckte Autofahrt \u00b4gleich nach Bettys Tod, also der Zeitabschnitt, in dem Filth nach seiner eigenen Einsch\u00e4tzung einen psychischen Zusammenbruch erleidet. Es scheint, als m\u00fcsste hier wenigsten formal Ordnung gehalten werden, damit der Zusammenbruch beherrschbar bleibt; als m\u00fcsste sich die Geschichte stur vorw\u00e4rts bewegen, so wie Filth in dieser Zeit offenbar in Bewegung bleiben muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hlerisch ist dies zugleich die Passage, in der die beiden Zeitebenen zu verschmelzen beginnen. Durch die Dialoge wird die Vergangenheit in die Jetztzeit geholt, so dass man Filth\/Eddie zugleich als alten Mann und als<br>Kind sieht. Dabei kommt immer mehr von Eddies Kindheits-Traumata an die Oberfl\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich darauf wird Eddies gescheiterte Evakuierung w\u00e4hrend des Kriegs erz\u00e4hlt, ebenfalls als durchlaufende Passage (knapp 30 Seiten in der deutschen Ausgabe). Doch wenn wir zum alten Filth zur\u00fcckkehren, setzt sich das Durchmischen der Ebenen fort; denn inzwischen h\u00e4lt Filth die Vergangenheit nicht mehr unter Verschluss, er sucht seine Erinnerungen aktiv auf. Das Ende ist schlie\u00dflich eine Wiederbegegnung mit seiner fr\u00fchen Kindheit in Malaysia.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles wirkt auf mich nicht nur organisch, sondern ungeheuer leichtf\u00fc\u00dfig. Diese Leichtigkeit wird durch die Erz\u00e4hlstimme in den Roman hineingetragen: Die Figuren nehmen ihr eigenes Schicksal nicht unbedingt auf die leichte Schulter, und sie bewegen sich auch keinesweg frei und souver\u00e4n durch ihre Erinnerungen. Es ist die Erz\u00e4hlinstanz, die uns zur\u00fcckhaltend, aber mit sicherer Hand durch den Roman dirigiert. Sie fasst zusammen, gruppiert um, behandelt das eine ausf\u00fchrlich und das andere in einem Satz, l\u00e4sst ganze Jahrzehnte aus, erkl\u00e4rt und verschweigt und ironisiert. Das k\u00f6nnte beliebig oder konstruiert und damit irritierend wirken, doch dazu ist diese Erz\u00e4hlinstanz viel zu stark mir als Leserin zugewandt: Ich glaube ihr gern, dass sie den Stoff genau so darstellt, dass alle Gewichte richtig verteilt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe den Roman auf Englisch gelesen und kann wenig zur deutschen Fassung sagen. Die \u00dcbersetzung ist ja sehr gelobt worden, und was ich von ihr kenne, fand ich sprachlich gelungen, h\u00f6chstens etwas altert\u00fcmlicher als das Original. Und nat\u00fcrlich besitzt das englische Original manchmal eine Eleganz, die auf Deutsch einfach nicht machbar ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8220;Ingoldby \u2013 Feathers.&#8221; Sir stellte die Jungen einander vor und legte den Grundstein f\u00fcr die Zukunft.<br>&#8216;Ingoldby \u2013 Feathers,&#8217; introduced Sir, shaping the future.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jane Gardam \u00dcbersetzung: Isabel BogdanHanser Verlag 2015dtv Taschenbuch 2017EAN 9783423145671 Original: Old FilthChatto &amp; Windus 2004 Wenn ich Old Filth mit einem Wort charakterisieren m\u00fcsste, w\u00fcrde ich sagen: Leichtigkeit. 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