Wieder Nichts

Andere tun es auch: Über das Nichts schreiben nämlich. Hier zum Beispiel die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz:

Die Uferbefestigung des rechten Ufers der Spree am Wikingerufer zwischen der Gotzkowskybrücke und der Wullenweberstraße muss infolge nicht nachweisbarer Standsicherheit zur Aufrechterhaltung der Verkehrssicherung erneuert werden.

Das nicht Nachweisbare als Ursache  von Baumaßnahmen. Die sich übrigens offenbar über drei Jahre hinziehen sollen. Beachtlich finde ich das.

Gestatten: der Ich-Erzähler

Bei den vielen Gesprächen und Gedanken zu Romananfänge, die mich in den letzten ein, zwei Monaten beschäftigt haben, ist mir eher zufällig eine Erkenntnis zugeflogen, die das Erzählen in der ersten Person betrifft. Sie lautet: Ein Ich-Erzähler kann sich nicht verstecken.

So kurz gefasst klingt das banal, aber dahinter stehen doch ein paar Überlegungen, die ich aufschreibenswert finde. Ausgangspunkt war, wie gesagt, die Beschäftigung mit Romananfängen. Auf den ersten ein bis zwei Seiten einer Geschichte wird ja immer das Feld abgesteckt, auf dem alles Folgende spielen wird. Als Leserin bekomme ich hier einen ersten Eindruck davon, was mich inhaltlich erwartet (welche Figuren, welches Setting, welches Thema etc.), aber auch, ob es ein witziger oder ernster Roman wird, ein romantischer oder fantastischer oder beinhart realistischer, ob er auf den „Eintauch“-Effekt setzen oder eine gewisse Distanz zu Szenen und Figuren halten wird usw. Gewöhnlich wird mir nichts davon explizit mitgeteilt; ich leite es aus Signalen ab, die ich dem Text entnehme.

Bei Ich-Erzählungen kommt zu diesen Punkten nun noch die Frage dazu, wer mir das Ganze eigentlich erzählt. Sie hat viele Aspekte: Wer ist die Person, die da spricht; steht sie im Mittelpunkt der Handlung oder ist sie eher Zuschauer; warum erzählt sie, wem erzählt sie, in welcher Form (Brief, Tagebuch, Lebensbeichte, schriftlich oder mündlich …) und mit welchem Abstand zum Geschehen? Darf ich diesem Ich völlig trauen, oder ist Skepsis angebracht?

All diese Fragen laufen im Hinterkopf mit, wenn man die ersten Sätze eines Ich-Erzählers liest. Und das ist sozusagen die Langfassung meiner Entdeckung: Egal ob der Ich-Erzähler auf diesen ersten Seiten im Mittelpunkt steht oder ob er sich eher zurückhält, ein Teil meiner lesenden Aufmerksamkeit wird immer ihm gelten. Er kann sich nicht unsichtbar machen, er kann nicht hinter der Handlung oder einer anderen Figur verschwinden, wie es ein Dritte-Person-Erzähler kann. (Ich kenne genau einen Roman, in dem das nicht gilt, eine witzige erzähltechnische Spielerei – aber da ich einen Teil der Pointe verraten würde, wenn ich jetzt Autor und Titel nenne, kommt hier nur ein Link zum E-Book in einem der vielen Online-Shops.)

Viele Ich-Erzähler wollen natürlich gar nicht im Hintergrund bleiben, sondern platzieren sich gleich am Anfang mitten im Bild. In Umberto Ecos „Der Name der Rose“ zum Beispiel präsentiert uns der Erzähler der eigentlichen Geschichte zunächst ein kleines Stück seiner Weltsicht und stellt sich dann ausdrücklich vor:

Dem Ende meines sündigen Lebens nahe, ergraut wie die Welt und in der Erwartung, mich bald zu verlieren im endlosen formlosen Abgrund der stillen wüsten Gottheit, teilhabend schon am immerwährenden Licht der himmlischen Klarheit, zurückgehalten nur noch von meinem schweren und siechen Körper in dieser Zelle meines geliebten Klosters zu Melk, hebe ich nunmehr an, diesem Pergament die denkwürdigen und entsetzlichen Ereignisse anzuvertrauen, deren Zeuge zu werden mir in meiner Jugend einst widerfuhr. (Ü: Burkhart Kroeber)

Wobei auch diese „Vorstellung“ natürlich nicht nur Informationen liefert, sondern gleichzeitig viele kleine Signale enthält, die neue Fragen aufwerfen – die denkwürdigen und entsetzlichen Ereignisse sind da nur das auffälligste. (Mich hat z.B. die stille wüste Gottheit neugierig gemacht.) Spannung erzeugt man schließlich nicht, indem man Fragen beantwortet, sondern indem man uns Leser zum Mitdenken verleitet.

Oder ein zweites Beispiel – hier liefert der Ich-Erzähler keine ausführliche Vorstellung, sondern eine Art „Mission Statement“; es ist der Anfang des ersten Kapitels von Tana Frenchs „Grabesgrün“:

Eins dürfen Sie nicht vergessen: Ich bin Ermittler. Unser Verhältnis zur Wahrheit ist grundsätzlicher Art, aber rissig, verwirrend gebrochen wie gesplittertes Glas. Wahrheit ist das Kernstück unseres Berufs, das Endspiel bei jedem Zug, den wir machen, und wir verfolgen sie mit Strategien, die sorgsam aus Lügen und Verschleierung und jeder Spielart von Betrug zusammengesetzt sind.  (Ü: Ulrike Wasel u. Klaus Timmermann)

Aber auch wenn der Ich-Erzähler zunächst kein Wort über sich verliert, sondern ganz damit beschäftigt ist, mir eine Szene zu schildern – als Leserin versuche ich trotzdem, aus seinen Worten etwas über ihn selbst herauszulesen. Zum Beispiel in Raymond Chandlers „Der lange Abschied“:

Als ich Terry Lennox zum erstenmal zu Gesicht bekam, lag er betrunken in einem Rolls-Royce Silver Wraith draußen vor der Terrasse des Dancers. Der Parkplatzwächter hatte den Wagen gebracht und hielt immer noch die Tür auf, weil Terry Lennox linker Fuß immer noch draußen baumelte, als hätte er vergessen, daß er einen besaß. Sein Gesicht wirkte jung, doch sein Haar war schlohweiß. Man konnte seinen Augen ansehen, daß er blau war wie ein Veilchen, aber ansonsten sah er aus wie jeder andere nette junge Kerl im Abendanzug, der ein bißchen zuviel Geld in einem Lokal gelassen hatte, dessen Zweck eben darin und in nichts anderem besteht. (Ü: Hans Wollschläger)

Das Ich kommt hier genau einmal vor, im ersten Satz, und lenkt den Blick sofort auf eine andere Person. Man könnte also durchaus behaupten, dass der Erzähler versucht, sich im Hintergrund zu halten. Und trotzdem nimmt er auch hier  schnell Kontur an, allein durch die Art, wie er spricht. Ich kann zum Beispiel sehen, dass er ein guter Beobachter ist. Dass ihn der Anblick eines Betrunkenen nicht verunsichert oder gar schockiert und dass er die Situation schnell einzuschätzen weiß. Offenbar kennt er sich mit Leuten wie Terry Lennox aus, ebenso wie mit den Kneipen, in die sie gehen. Und er hält Distanz, er beobachtet den Betrunkenen zwar mit einer gewissen Freundlichkeit, aber ohne Partei zu ergreifen.

Das ist es, was ich oben meinte: Der Ich-Erzähler scheint in diesen ersten Sätzen kaum vorhanden zu sein, und doch gilt ein Teil meiner Aufmerksamkeit beim Lesen ihm. Was er nicht freiwillig über sich verrät, versuche ich aus indirekten Signalen abzuleiten.

Noch ein letztes Beispiel – der Anfang von John Banvilles „Der Unberührbare“:

Erster Tag des neuen Lebens. Sehr seltsam. Ruhelos, fast schon den ganzen Tag. Erschöpft, aber auch fiebrig, wie ein Kind am Ende einer Feier. Wie ein Kind, ja: als hätte ich eine abstruse Form von Wiedergeburt durchgemacht. Und dabei habe ich heute morgen zum erstenmal gemerkt, daß ich ein alter Mann bin. Ich ging über die Gowder Street, früher mein Revier. Ein falscher Schritt, und plötzlich behindert mich etwas. Komisches Gefühl, als ob ich in einen Luftwirbel getreten wäre, einen Strudel – wie nennt man das: zähflüssig? –, einen Widerstand, beinah wäre ich gestolpert. Der Bus donnerte vorbei; am Lenkrad ein grinsender Neger. Was hat er gesehen? Sandalen, Regenmantel, meine unverwüstliche Umhängetasche, ein entsetztes Flackern in den alten Triefaugen. Wenn ich überfahren worden wäre, hätte es geheißen Selbstmord, und alle hätten aufgeatmet. Aber diese Genugtuung gönne ich ihnen nicht. (Ü: Christa Schuenke)

Hier scheint der Ich-Erzähler gar nicht den Wunsch zu haben, irgendetwas mitzuteilen – er scheint zu sich selbst zu sprechen, ohne realen oder imaginierten Leser. Und trotzdem erfahre ich einiges über ihn, nicht nur weil mir dies und das explizit mitgeteilt wird, sondern weil ich von Anfang an zwischen den Zeilen zu lesen versuche. Sein Tonfall beschwört in mir die Vorstellung von einem mürrischen alten Mann herauf, der völlig mit sich selbst beschäftigt ist – der aber zugleich davon ausgeht, dass sein Tod für „alle“ eine Bedeutung hätte. Hat er damit recht? Und wie kommt er darauf, welche Geschichte verbirgt sich dahinter? Der Sog, der mich in diese Geschichte hineinzieht, ist mein eigener Wissensdrang.