Dunkle Kammern

The idea that nearly three weeks had passed without her being able to recollect a single day was so far beyond Jinx’s comprehension that she fixed her attention on what was real.

Nachdem ich den Beitrag übers Vergessen geschrieben hatte, ist mir eingefallen, dass das Motiv der Gedächtnislücke natürlich auch in vielen Krimis und Thrillern vorkommt. In „The Dark Room“ („Dunkle Kammern“) von Minette Walters zum Beispiel. Der Roman beginnt damit, dass die Heldin nach einem Autounfall im Krankenhaus aufwacht und sich weder an den Unfall noch an die Zeit unmittelbar davor erinnern kann.

Was dabei auf S. 17 über sie gesagt wird, könnte man ebenso gut als Absichtserklärung für den gesamten Roman deuten: Nicht nur die Heldin konzentriert sich auf das, was „real“ ist (womit wohl so etwas wie „im Prinzip greifbar“ gemeint ist, nämlich die Blumen auf ihrem Nachttisch, die Einrichtung des Zimmers, der Blick in den Garten), sondern der Roman insgesamt. Er erzählt von ihren Besuchern, ihrem Arzt, ihren Mitpatienten und von den Ermittlungen der Polizei – und da es im Krimi ohnehin darum geht, Wissenslücken zu füllen, wird die Erinnerungslücke der Heldin zu einem Rätsel unter vielen. Die Leere wird völlig zum Verschwinden gebracht.

Über Nichts schreiben

Im Dezember fand an der Bundesakademie in Wolfenbüttel ein Literaturseminar zum Thema „Erinnern und Vergessen“ statt – Titel: Sie sind … meine Tochter? Geleitet wurde es von Olaf Kutzmutz und von Burkhard Spinnen, der ein Buch über seine demenzkranke Mutter geschrieben hat. Ich fuhr hin, weil in meinem aktuellen Romanvorhaben Erinnerungen eine große Rolle spielen: unzuverlässige, diffuse, nicht mehr auffindbare Erinnerungen.

Wie bei vielen Wolfenbütteler Seminaren reichten die Teilnehmer vorab einen kurzen Text ein, der dann im Seminar besprochen wurde. Es sind sehr schöne und auch sehr persönliche Texte dabei entstanden – nicht eine/r machte es sich einfach und schrieb Wie ich neulich meine Autoschlüssel vergaß. Für mich war schon das Schreiben sehr spannend, weil sich mir dabei mein Roman-Problem in gekürzter und verdichteter Form stellte: unter Laborbedingungen sozusagen.

Wie schreibe ich über etwas, das sich eigentlich dem Zugriff entzieht, weil es vergessen wurde? Wie schreibe ich es so, dass die Leere spürbar wird, dass ich sie weder mit Worten fülle noch hinter einen Grenzzaun sperre und auf die Art in ein greifbares Objekt verwandle?

Viele der Wolfenbütteler Texte handelten von Demenz, und sie wählten alle eine ähnliche Lösung für dieses Problem. Sie schilderten das Vergessen nicht (oder nicht nur) aus der Perspektive der Person, die vergaß – sondern mit dem Blick eines Außenstehenden. Einer Instanz, die das Vergessen beobachtete. Wenn also die Hauptfigur ihre Tochter nicht erkannte, gab es noch jemanden im Text, der den Lesern mitteilte: Doch, das ist ihre Tochter.

Wie gesagt, es waren schöne und oft auch anspruchsvolle Texte. Doch da diese spezielle Lösungsstrategie (den Blick einer Wissenden zu integrieren) auf mein Projekt nicht anwendbar war, galt meine Neugier natürlich vor allem den Texten, die ohne diesen Blick auszukommen versuchten. Davon gab es drei, meinen eingeschlossen. In ihnen ging es nicht um Demenz, sondern um Erinnerungslücken, die mehr oder weniger scharf begrenzt waren. Die Perspektivfigur konnte sich also an bestimmte Dinge nicht erinnern, wusste aber, das es da etwas gab, das sie vergessen hatte.

Spannend fand ich nun zu sehen, dass alle drei Texte (ja, auch meiner) die Erinnerungslücke letztlich aus dem Weg räumten. Um keine Details über fremde Texte auszuplaudern, hier ein erfundenes Beispiel: Ein Mann kommt fast bei einem Wohnungsbrand ums Leben, kann sich später aber an keinerlei Details des Feuers mehr erinnern, weder wie es ausgebrochen ist, noch was er unternommen hat. Der Text schildert den Alltag des Mannes bis zu dem Punkt, an dem die Erinnerung aussetzt; dann ein Schnitt; dann geht es nach dem Feuer weiter, und es wird erzählt, wie der Mann sich von dem schlimmen Erlebnis erholt. Wie er das Krankenhaus verlässt, welchen Schaden er in der Wohnung vorfindet usw. Die Lücke ist sichtbar – aber sie wird zur Nebensache. Andere Dinge drängen sich vor, weil sie mehr erzählbaren Stoff liefern.

Bei meinem eigenen Text war es noch einmal ein bisschen anders. Es ging darin um das Zusammenklauben von diffusen und bruchstückhaften Erinnerungen. In der ersten Hälfte habe ich dieses Zusammenklauben beschrieben sowie die zweifelhaften Versuche, aus den Fragmenten eine Geschichte zusammenzusetzen. So weit, so gut – aber die zweite Hälfte handelte dann davon, dass diese Geschichte (zu der man die Fragmente zusammenfügen will) letztlich auf einer anderen Art von Wissen beruhte – auf etwas, das sich nicht wie Erinnern anfühlt, sondern wie Faktenwissen, vermutlich weil  es  innerhalb der Familie immer wieder erzählt wurde. Tja, und auf einmal hatte ich doch eine Instanz der Gewissheit in meinem Text, hineingezaubert, ohne dass ich es wollte, was ich wirklich bemerkenswert finde. Und erkannt habe ich das erst, als die anderen Teilnehmer des Seminars mit dem Finger darauf zeigten.

Jetzt bin ich dabei, den Text umzuarbeiten. Und diese elende Gewissheit zu eliminieren.