Puerto Puyuhuapi

Puyuhuapi gibt es seit 1935. Vier ledige Männer aus den Sudeten haben sich damals als erste hier niedergelassen. Ein paar Häusern ist anzumerken, dass ihre Erbauer aus Mitteleuropa kamen, und die hölzerne Dorfkirche, erst 1965 erbaut, gleicht ihren 200 Jahre älteren Schwestern in Böhmen.

Aber was den Ort prägt, ist nicht das aus der Ferne Mitgebrachte. Diese Ansiedelung ist völlig entlegen. Der Fjord, an dessen Ende sie liegt, führt zum offenen Meer und ein paar anderen Siedlungen am Wasser, aber nichts davon liegt näher als 200 km. Puyuhuapi ist eine Insel, umgeben von Wald und Bergen und bis 1982 nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar. Heute nutzt man die von Pinochet vorangetriebene Carretera Austral. Die Reise ist immer noch beschwerlich, obwohl die Strecke nach und nach asphaltiert wird. Viel mehr als ein Auto pro Stunde haben wir nicht gesehen.

Wir sind hier auf der feuchten Seite der Anden. Täler und weniger hohe Berge bleiben im Winter frostfrei. Überall wächst immergrüner Laubwald, über den ganzen Talboden und alle Hänge hinauf, grün in allen Schattierungen des Frühsommers. Ein kühler Urwald, nur auf den ersten Blick vertraut.

Es ist still hier. Der Fjord macht die Gezeiten mit, aber der Wasserspiegel ist glatt. Seit wir hier sind, hat der Wind aufgehört, der seit Chile Chico heftig an unseren Jacken und manchmal auch an unseren Nerven gezerrt hatte. Der Ort, sein Tal und sein Fjord sind angefüllt mit warmer, feuchter Luft, gelegentlich gibt es leichten Sprühregen. Schon unterhalb der Bergkämme fangen die Wolken an und schließen die Szenerie nach oben ab wie eine Decke.

Alteingesessen kann man hier nicht sein. Unser Wirt wurde in Peru geboren, seine Mutter stammt aus Leipzig und sein Vater aus der französischen Schweiz. Wie er scheinen viele der 500 Einwohner davon zu leben, Wanderer zu beherbergen. Andere halten Schafe, Kühe und Hühner. Es gibt auch mehrere Läden, eine Tankstelle und eine Bäckersfrau, die uns abends um sieben sagt, das Brot sei noch im Ofen, wir sollten doch wiederkommen, wenn es fertig ist.

Einmal am Tag fährt ein Bus nach Norden. Unserer kommt heute um acht Uhr abends und bringt uns in vielleicht zwei Stunden nach La Junta (hierzu der Nachtrag vom 19. Januar).

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Von Coyhaique nach Puyuhuapi

Ich muss zugeben, dass ich mich öfter mal gefragt habe, ob das viele Gerede um die Carretera Austral nicht zu einem guten Teil auf Autofahrer- und Biker-Romantik beruht. Alle reden davon, weil alle nun mal gern von Heldentaten berichten. Aber die Busfahrt gestern? Die war wirklich ein Abenteuer, auch ohne dass ich am Steuer saß.

Von Coyhaique (hier) geht es als erstes durch das Tal des Río Simpson, eine enge Schlucht, in die die Straße kaum hineinpasst. Rechts und links steile bewaldete Berghänge, oft auch senkrechte Felswände, von 200 Metern auf der Talsohle hinauf zu Gipfeln von 1500 Metern. Wasserfälle, enge Brücken und Stromschnellen, wann immer ein Nebenfluss dazukommt. Überall dichter Wald, in den keine Wege, nicht einmal Pfade hineinführen: keine Kiefernpflanzungen mehr wie an vielen Berghängen um Coyhaique, sondern Südbuchen (die nicht mit unseren Buchen verwandt sind), Bambus und Farn und Nalca-Pflanzen, die wie Riesenrhabarber aussehen und für diesen Regenwald typisch sind.
Dann auf einmal, als sich das Tal weitet, blühende Wiesen und Weideland-Idyllen mit Kühen und Kälbern und einem einsamen Stier.

Gleich darauf geht es einen Nebenfluss entlang wieder bergauf. In einem kleinen Ort, wo der Bus einen kurzen Zwischenstopp macht, verkauft ein kleiner Junge Plastikbeutel voll Kirschen. Die paar, die wir noch nicht gegessen haben, stehen jetzt hier in Puyuapi auf dem Tisch. Weiter geht es den Fluss hinauf, an einer Laguna unbekannten Namens und am Naturschutzgebiet Lago las Torres vorbei, über einen Pass und in ein anderes Flusstal; und in ein Seitental und wieder einen Pass hinauf. Ab und zu sieht man Schnee auf den Gipfeln, aber die Wolken hängen tief, und bald fängt es an zu regnen. Inzwischen sind wir mitten im Nationalpark Queulat, einem großen Urwaldgebiet an steilen Berghängen, in das nur an wenigen Stellen (zum Beispiel hier) kurze Wege hineinführen.

Etwa hier hört auch der Asphalt auf, es geht über eine steile, ausgefahrene, vom Regen rutschige und von Baumaschinen aufgewühlte Schotterstraße, enge Serpentinen hinauf und wieder hinab. Wer richtig gern Auto fährt, hat vielleicht auch daran noch seine Freude, aber ich bin froh, dass ich im Bus sitze und den Blick schweifen lassen kann, wann immer ich will.

Diesmal führt die Straße von etwa 500 Meter Höhe bis auf Meereshöhe hinab: Unser Ziel, Puerto Puyuapi (hier), liegt ganz am Ende eines Fjord, der weit nach Norden ins Land hinein führt. An seiner Mündung sind wir vor vielen Wochen schon mit dem Schiff vorbeigefahren, von Norden nach Süden, auf dem Weg nach Puerto Natales. Jetzt sehen wir vom Bus aus dieselben Berge, aus einer anderen Richtung. Dieselbe menschenleere Gegend.

Es ist schön, in Puyuhuapi anzukommen, einer kleinen Ansammlung von Holzhäusern, umgeben von nassen, grünen Gärten, am stillen Ende des Pazifiks. Unsere Unterkunft ist diesmal eine wirklich gemütliche, schön eingerichtete Cabaña. Unser Wirt hatte bereits Feuer im Holzofen gemacht.

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Wir bleiben jetzt bis zum Donnerstag (29. 12.) in Puyuhuapi. Danach fahren wir weiter nach Norden, und zwar möglichst jeden Tag eine Etappe, sofern die Busse das erlauben. Es kann also sein, dass es bis zum Jahresanfang etwas still bleibt auf dem Blog. Darum wünschen wir euch allen schon einmal einen guten Start ins neue Jahr!