Erzählstimmen

Vorhin bin ich noch einmal Beispiele für Romananfänge durchgegangen, die meine Lieblingskolleg*innen und ich Ende letzten Jahres für eins unserer Arbeitstreffen zusammengetragen hatten. (Drei der vier folgenden Textbeispiele verdankt dieser Beitrag also euch!) Beim Lesen habe ich diesmal nur darauf geschaut, wie mir die Erzählstimme entgegenkommt – und diesmal nur bei Texten in der dritten Person, als Ergängung zu den Ich-Erzählern im vorvorletzten Beitrag. Dritte-Person-Erzählstimmen ergänzen wir in unserer Vorstellung gewöhnlich nicht zu einem Menschen; sie bleiben Teil des Textes, aber sie prägen seinen Tonfall, seine Musik.

Hier eine Stimme, die sich ganz darauf konzentriert, uns die Perspektivfigur vorzustellen; eigene Absichten scheint sie nicht zu verfolgen: Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie:

Princeton im Sommer roch nach gar nichts, und obwohl Ifemelu das friedliche Grün der vielen Bäumen, die sauberen Straßen und stattlichen Häuser, die maßvoll überteuerten Geschäfte und die ruhige unwandelbare Atmosphäre wohlverdienter Eleganz mochte, war es das Fehlen eines Geruchs, das ihr am besten gefiel, vielleicht weil alle anderen amerikanischen Städte, die sie kannte, unverwechselbar rochen. (Ü: Anette Grube)

Beim Lesen höre ich hier durchaus einen leisen Spott unter den vielen lobenden Adjektiven, ich spüre ein Beharren auf der Fremdheit, dem Abstand – die Erzählstimme hat sehr wohl einen eigenen Klang; aber den rechne ich eigentlich schon der Figur zu, von der erzählt wird. Der Tonfall des Erzählens ist eins der vielen Mittel, mir Ifemelu vorzustellen.

Und noch eine Erzählstimme, die selbst ganz im Hintergrund bleibt; alle Aufmerksamkeit gilt der Figur und deren Sehnsucht nach dem Zuhause: Der Ehrengast von Nadine Gordimer:

Ein Vogel schrie auf dem Dach, und er erwachte. Es war mitten am Nachmittag, in der Hitze, in Afrika; er wusste sofort, wo er war. Nicht einmal während der Sekunden der Schwebe zwischen Schlafzustand und Wachen glaubte er sich zurück daheim in dem Haus in Wiltshire, das jetzt tief im Schnee eines harten Winters lag. Die Straße zum Dorf würde wohl gesperrt sein und der Hund über die weichen Felder laufen, mit dem Atem eines Drachen … das Zentrum des Hauses würde durchwärmt sein von der Ölfeuerung und den roten Farbschattierungen, den seidigen Tönen von Olivias Sachen – den Teppichen, den Stücken aus Kirsche und Satinholz – und den roten irdenen Töpfen, den Perlstickereien, den beiden kunstvoll gearbeiteten Holzschnitzereien, die sie einst im Kongo gefunden hatten. (Ü: Klaus Hoffer)

Ganz anders in Die siebte Sprachfunktion von Laurent Binet:

Das Leben ist kein Roman. Möchte man jedenfalls meinen. Roland Barthes kommt die Rue de la Bièvre herauf. Der bedeutendste Homme de lettres des zwanzigsten Jahrhunderts hat allen Grund, zutiefst beklommen zu sein. (Ü: Kristian Wachinger)

Hier meldet sich nicht nur eine Stimme zu Wort, sondern eine Erzählinstanz mit eigenen Ansichten. Der Tonfall soll uns nicht etwa die Romanfigur näherzubringen – im Gegenteil, das Spötteln geht auf ihre Kosten. Von dienender Funktion kann keine Rede mehr sein.

Wer den Anfang von Americanah oder Der Ehrengast nicht mag, wird vermutlich sagen, dass er oder sie mit der Figur nicht recht warm wird oder sich für das Thema nicht interessiert. Bei Die siebte Sprachfunktion würde ich wetten, dass der häufigste Kritikpunkt wäre: Ich mag diesen Tonfall nicht.

Vielleicht folgt daraus, dass man als Autor*in mehr riskiert, wenn man sich für eine so deutlich hörbare Erzählstimme entscheidet? Möglich; andererseits kann die Erzählstimme den Text auch um Aspekte bereichern, die sich aus den Figuren allein vielleicht nicht entwickeln ließen. Eine eigene Musikalität. Eine Stimmung, die sich durch den gesamten Roman zieht. Hier der Anfang von Das amerikanische Mädchen von Monika Fagerholm:

Hier beginnt die Musik. Es ist so einfach. Ende der sechziger Jahre, auf Coney Island, außerhalb von New York. Es gibt hier Badestrände und Picknickplätze, einen kleinen Rummelplatz, ein paar Restaurants, Spielautomaten.
Hier sind viele Menschen. Sie unterscheidet sich nicht von der Masse. Sie ist jung, fünfzehn, sechzehn, trägt ein helles, dünnes Kleid, ihr Haar ist blond und strähnig, sie hat es seit ein paar Tagen nicht mehr gewaschen. (Ü: Sigrid Engeler)

Diese Erzählinstanz wird uns über Hunderte von Seiten hinweg durch eine komplexe Geschichte mit vielen verflochtenen Handlungssträngen führen. Sie sorgt für Zusammenhalt, sie stellt Bezüge her; und sie durchtränkt das Ganze mit ihrem eigenen Tonfall. Ohne dass sie als Person fassbar wird.

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