Modiano (2): Nicht-Erinnern

Weiter geht es mit dem Schreiben über Nichts. Im letzten Beitrag habe ich herauszufinden versucht, mit welchen stilistischen Mitteln Modiano gleich zu Beginn von Damit du dich im Viertel nicht verirrst die Leere als ein bestimmendes Thema im Leben des Protagonisten Jean Daragane etabliert. Aber natürlich ist das nicht Selbstzweck: Der Anfang steckt nur die Arena ab, in der sich der Kampf abspielen wird.

Denn es wird ein Kampf, ein Kampf ums Sich-Erinnern – allerdings mit ungewöhnlicher Rollenverteilung. Jean Daragane kämpft nicht darum, sich zu erinnern, sondern wehrt sich vielmehr mit aller Kraft gegen Einflüsse, die ihn dazu zwingen wollen. Er hat sich von seiner Vergangenheit gelöst (jedenfalls scheint es so auf den ersten Blick), er will nichts mehr von ihr wissen. Als ihm ein Fremder das Adressbuch wiedergibt, das er während einer Reise verloren hat, denkt er spontan daran, es zu verbrennen. Die Namen darin sind ohne Bedeutung; und diejenigen Menschen, die einmal wichtig waren, sind längst aus seinem Leben verschwunden.

Jean Daragane ist überhaupt nicht daran interessiert, sich an frühere Erlebnisse zu erinnern. Die Forderung, es doch zu tun, kommt von dem Fremden, dem Finder des Adressbuchs, Gilles Ottoloni. Er fragt Daragane hartnäckig nach einem Mann, dessen Namen er im Adressbuch gefunden hat, und seine Freundin Chantal Grippay bedrängt Daragane förmlich, Ottoloni bei der Suche zu helfen: Sie lädt Daragane in ihre Wohnung ein, kopiert ihm Material zu einem alten Kriminalfall, in den der Mann aus dem Adressbuch angeblich verstrickt war, besucht Daragane spät nachts in seiner Wohnung und erzählt ihm von Ottoloni.

Daragane sperrt sich gegen diese Angriffe. Der Name im Adressbuch sagt ihm nichts, und die getippten Unterlagen findet er unlesbar, eine Buchstabenwüste und völlig wirr. Er lässt die Angriffe ins Leere laufen – buchstäblich: sie verpuffen in der Wüste des Nicht-Erinnerns, in der er zu existieren scheint. Tatsächlich ist die Leere also mehr als nur der Hintergrund, vor dem die Handlung spielt: Sie ist der Schutzschild, hinter dem sich Daragane verbirgt. Seine Gegner bekommen ihn nicht fassen, sie tasten hilflos im Nichts umher, auf der Suche nach irgendeinem Ansatzpunkt.

Und auch wir als Leser irren in diesem Nichts umher und wissen nicht, woran wir uns halten sollen. Erinnert Daragane sich wirklich nicht, oder tut er nur so? Warum glaubt er augenblicklich, Ottoloni wolle ihn erpressen, wenn er über diese Kriminalgeschichte nichts weiß? Genau dadurch entfaltet die große Leere in seinem Leben eine so intensive  Wirkung, die für mich den gesamten Roman prägt: weil der Text nicht nur davon erzählt, sondern sie durch Aufbau und Erzählweise nachbaut. Hier ist alles vage und diffus, der Protagonist entzieht sich, er lässt sich nicht fassen. Das muss man natürlich mögen – wer eine Spurensuche im Roman nur schätzt, wenn sie zu greifbaren Resultaten führt, hat hier einiges auszuhalten. Das Verirren kommt nicht zufällig gleich im Titel vor.

Aber zurück zum Sich-Erinnern: Während Daragane die Vorstöße von Ottoloni und Grippay ins Leere laufen lässt, findet auf einer zweiten, unauffälligeren Ebene noch ein weiterer Angriff auf sein Gedächtnis statt. Die Lage des Bistros, in dem sich Ottoloni mit ihm trifft, Grippays Vorname Chantal, Ottolonis Adresse, das Buch über Rennbahnen, das zufällig auf Grippays Nachttisch liegt – all das hat einen Bezug zu Daraganes Vergangenheit: Hier hat sein Vater gearbeitet, dort hat er selbst einmal gewohnt …

Daragane scheint all diese Zufälle einfach hinzunehmen; als Leserin habe ich mich aber natürlich gefragt, was für eine Kraft da wohl am Werk ist. An ein Komplott von Ottoloni und Grippay kann ich nicht glauben. Für mich manifestiert sich in diesen Zufällen vielmehr eine unterirdische Strömung im Protagonisten: eine Kraft, die sich erinnern will. Ich finde es nämlich auch auffällig, dass Daragane im Laufe der ersten Romanhälfte immer wieder mit dem Gedanken spielt, dem Ganzen ein Ende zu setzen: das Adressbuch verbrennen, beim Telefonieren einfach auflegen, sich bei Treffen mit Ottoloni aus dem Staub machen. Doch er besann sich. Er lässt den Dingen ihren Lauf. Auch wenn er den Erinnerungen ausweicht, er sorgt nicht dafür, dass die Angriffe aufhören.

Und auf dieser zweiten, scheinbar zufälligen Ebene sind die Angriffe erfolgreich. Sie rufen Erinnerungen wach. Erst nur an den Mann, dessen Namen Ottoloni im Adressbuch gefunden hat – doch das ist letztlich bloß der lose Faden, über den sich das ganzen Stück aufribbeln lässt. Daragane stößt in Ottolonis Material auf immer mehr Dinge, die ihm vertraut sind. Vor allem auf einen Namen: Annie Astrand: Eine ferne Stimme, sehr spät im Radio eingefangen, und du sagst dir, sie richtet sich an dich und will dir eine Botschaft übermitteln.

Damit ändert sich die Dynamik der Geschichte. Daragane beginnt sich zu erinnern und fängt kurz darauf an, aktiv nach Spuren seiner Vergangenheit zu suchen. Zugleich springt auch der Roman immer öfter in die Vergangenheit zurück. (Und interessanterweise verschwinden genau an diesem Punkt Ottoloni und Grippay aus der Geschichte: Nachdem sie Daragane anfangs förmlich belagert haben, hört er nun nichts mehr von ihnen. Als bräuchte sein Gedächtnis den Anstoß von außen nicht mehr, weil es sich nun aus eigener Kraft weiterbewegt.)

Auch in dieser zweiten Hälfte bleibt sich der Roman natürlich treu: Sichere Auskünfte sind nicht zu erwarten. Tatsächlich ist es recht wenig, was man erfährt – und trotzdem spürt man das große Gewicht der Erinnerungen, die Daragane wiederentdeckt. Gerade weil sie für sich allein in der Leere stehen, die den ersten Teil des Romans beherrscht.

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