Über Nichts schreiben: Modiano

Kurz nachdem ich begonne hatte, mich mit dem Thema Leere zu befassen, empfahl mir eine Freundin und Kollegin Damit du dich im Viertel nicht verirrst von Patrick Modiano – und bewies mir damit durch ein Beispiel, dass man sehr wohl über Nichts schreiben kann.

Hier zunächst einmal die Inhaltsangabe des Verlags (zu finden auf der Website von dtv):

Jean Daragane lebt zurückgezogen in seiner Pariser Wohnung, als ein Fremder ihn wegen seines verlorenen Adressbuchs kontaktiert. Vergessene Namen und lang vergangene Erlebnisse drängen zurück in das Bewusstsein des Schriftstellers. Besonders stark ist die Erinnerung an Annie Astrand. Bei ihr hatte Jean in seiner Kindheit ein Zuhause gefunden, als seine Eltern sich seiner wieder einmal entledigen wollten. Doch dann war Annie mit ihm nach Montmartre gezogen, um eine Flucht nach Italien zu planen, die alles veränderte.

Im Laufe der Wochen habe ich viel darüber nachgedacht, wie der Eindruck von Leere in diesem Roman erzugt wird. Es ist ganz stark eine Frage der Erzählstimme, denke ich, der erzählerischen Distanz, aber auch des Aufbaus, des Mitteilens und Zurückhaltens von Informationen … Stoff für viele Blogbeiträge. Heute, beim nochmaligen Lesen des Anfangs, ist mir jedoch aufgefallen, mit welchen letztlich ganz schlichten Mitteln die Themen Leere und Einsamkeit ins Zentrum gerückt werden. Gleich auf der ersten Seite (S. 7)  sieht man drei verschiedene Strategien am Werk:

Da gibt es einmal die ausdrückliche Ansage des Erzählers:
Und dieses Klingeln (des Telefons, BS), an das er seit langem kaum noch gewöhnt war […]

Dann (gleich davor) indirekte Hinweise, die uns zeigen, dass der Protagonist ein eher stilles Leben führt:
Das Telefon hatte am Nachmittag gegen vier bei Jean Daragane geklingelt, in dem Zimmer, das er „Büro“ nannte. Er war eingenickt auf dem Kanapee […]

Und drittens Andeutungen, dass der Protagonist nicht immer ein inhaltsleeres Leben geführt hat – denn wie sollte ihm dann ein Fremder gefährlich werden können? Und er rechnet sofort mit Gefahr:
Eine weiche und bedrohliche Stimme. Das war sein erster Eindruck.
Auf der nächsten Seite ergänzt er dieses weich und bedrohlich sogar noch um Erpressertonfall.

Hier merkt man schon: Die Leere ist nicht formlos. Sie hat eine bestimmte Struktur.

Auf den nächsten Seiten werden alle drei Strategien weiter verfolgt. Es gibt explizite Aussagen des Erzählers:
[Die Hitze] verstärkte seine Einsamkeit. Sie zwang ihn, in diesem Zimmer eingeschlossen zu bleiben bis Sonnenuntergang. (S. 9)
In dieser Einsamkeit hatte er sich so leicht gefühlt wie nie zuvor […] (S. 18)

Es gibt indirekte Hinweise, über das verlorene und wiedergefundene Adressbuch:
Ohne den Anruf des Unbekannten hätte er den Verlust dieses Büchleins für immer vergessen. Er versuchte sich an Namen zu erinnern, die darinstanden. […] Keiner von den Namen gehörte Personen, die in seinem Leben gezählt hatten – deren Adressen und Telefonnummern hatte er nicht aufschreiben müssen […] (S. 10)

Es gibt Signale, dass die Leere nicht allumfassend ist, sondern dass es früher anders war:
Aber diese ganze Vergangenheit war so durchscheinend geworden mit der Zeit … ein Dunst, der sich auflöste in der Sonne. (S. 11)
Und bei den zwei oder drei fehlenden Nummern, jenen, die für ihn gezählt hatten und die er auswendig wusste, da würde niemand mehr abheben. (S. 19)

Noch etwas trägt zu dem Eindruck von Leere bei. Nicht nur das Leben der Protagonisten scheint leer, er bewegt sich auch durch leere Räume. Das Café, in dem er sich mit dem Anrufer trifft, ist leer (S. 11), nicht einmal eine Bedienung lässt sich blicken (S. 14), und auch der Boulevard Haussmann, auf den Daragane nach dem Treffen hinaustritt, ist menschenleer (S. 18).

Interessant finde ich übrigens, dass zum Darstellen der Leere Motive benutzt werden, die wir spontan eher mit Geselligkeit, mit Kontakt, mit Gespräch assoziieren. Die Kneipe (ist leer). Das Adressbuch (enthält nur die unwichtigen Namen). Das Telefon (hat seit Monaten nicht mehr geklingelt). Das ist einer der Gründe (glaube ich), warum die Seiten bei sparsamen Mitteln so intensiv wirken.

Einen zweiten Grund sehe ich darin, dass die Leere eben nicht allumfassend ist, sondern Konturen besitzt – auch wenn man diese Konturen am Anfang noch nicht deutlich erkennt. Sie steht im Kontrast zu etwas, das nicht leer ist. Zum einen, weil Daraganes Leben offenbar irgendwann einmal ausgefüllter war; vielleicht sogar aufregend? Denn womit sollte man ihn erpressen, wenn nie etwas geschehen ist?

Und dann gibt es in diesem Anfang noch so etwas wie Sehnsucht. Nach anderen menschen, nach einer Begegnung. Es leuchtet an zwei Stellen auf.
Oft, an manchen Nachmittagen voller Einsamkeit, hatte er geträumt, das Telefon würde klingeln und eine sanfte Stimme würde ihm ein Treffen vorschlagen. (S. 10)
In dieser Einsamkeit hatte er sich so leicht gefühlt wie nie zuvor, mit merkwürdigen Augenblicken exaltierter Erregung morgens oder abends, als sei noch alles möglich und als warte, dem Titel eines alten Films entsprechend, das Abenteuer an der nächsten Straßenecke … (S. 18)

Vor diesem Hintergrund wird für mich auch der letzte Satz des Anfangs zu einem Ausdruck von Sehnsucht, ich habe ihn oben schon einmal zitiert:
Und bei den zwei oder drei fehlenden Nummern, jenen, die für ihn gezählt hatten und die er auswendig wusste, da würde niemand mehr abheben.

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