Über Nichts schreiben

Im Dezember fand an der Bundesakademie in Wolfenbüttel ein Literaturseminar zum Thema „Erinnern und Vergessen“ statt – Titel: Sie sind … meine Tochter? Geleitet wurde es von Olaf Kutzmutz und von Burkhard Spinnen, der ein Buch über seine demenzkranke Mutter geschrieben hat. Ich fuhr hin, weil in meinem aktuellen Romanvorhaben Erinnerungen eine große Rolle spielen: unzuverlässige, diffuse, nicht mehr auffindbare Erinnerungen.

Wie bei vielen Wolfenbütteler Seminaren reichten die Teilnehmer vorab einen kurzen Text ein, der dann im Seminar besprochen wurde. Es sind sehr schöne und auch sehr persönliche Texte dabei entstanden – nicht eine/r machte es sich einfach und schrieb Wie ich neulich meine Autoschlüssel vergaß. Für mich war schon das Schreiben sehr spannend, weil sich mir dabei mein Roman-Problem in gekürzter und verdichteter Form stellte: unter Laborbedingungen sozusagen.

Wie schreibe ich über etwas, das sich eigentlich dem Zugriff entzieht, weil es vergessen wurde? Wie schreibe ich es so, dass die Leere spürbar wird, dass ich sie weder mit Worten fülle noch hinter einen Grenzzaun sperre und auf die Art in ein greifbares Objekt verwandle?

Viele der Wolfenbütteler Texte handelten von Demenz, und sie wählten alle eine ähnliche Lösung für dieses Problem. Sie schilderten das Vergessen nicht (oder nicht nur) aus der Perspektive der Person, die vergaß – sondern mit dem Blick eines Außenstehenden. Einer Instanz, die das Vergessen beobachtete. Wenn also die Hauptfigur ihre Tochter nicht erkannte, gab es noch jemanden im Text, der den Lesern mitteilte: Doch, das ist ihre Tochter.

Wie gesagt, es waren schöne und oft auch anspruchsvolle Texte. Doch da diese spezielle Lösungsstrategie (den Blick einer Wissenden zu integrieren) auf mein Projekt nicht anwendbar war, galt meine Neugier natürlich vor allem den Texten, die ohne diesen Blick auszukommen versuchten. Davon gab es drei, meinen eingeschlossen. In ihnen ging es nicht um Demenz, sondern um Erinnerungslücken, die mehr oder weniger scharf begrenzt waren. Die Perspektivfigur konnte sich also an bestimmte Dinge nicht erinnern, wusste aber, das es da etwas gab, das sie vergessen hatte.

Spannend fand ich nun zu sehen, dass alle drei Texte (ja, auch meiner) die Erinnerungslücke letztlich aus dem Weg räumten. Um keine Details über fremde Texte auszuplaudern, hier ein erfundenes Beispiel: Ein Mann kommt fast bei einem Wohnungsbrand ums Leben, kann sich später aber an keinerlei Details des Feuers mehr erinnern, weder wie es ausgebrochen ist, noch was er unternommen hat. Der Text schildert den Alltag des Mannes bis zu dem Punkt, an dem die Erinnerung aussetzt; dann ein Schnitt; dann geht es nach dem Feuer weiter, und es wird erzählt, wie der Mann sich von dem schlimmen Erlebnis erholt. Wie er das Krankenhaus verlässt, welchen Schaden er in der Wohnung vorfindet usw. Die Lücke ist sichtbar – aber sie wird zur Nebensache. Andere Dinge drängen sich vor, weil sie mehr erzählbaren Stoff liefern.

Bei meinem eigenen Text war es noch einmal ein bisschen anders. Es ging darin um das Zusammenklauben von diffusen und bruchstückhaften Erinnerungen. In der ersten Hälfte habe ich dieses Zusammenklauben beschrieben sowie die zweifelhaften Versuche, aus den Fragmenten eine Geschichte zusammenzusetzen. So weit, so gut – aber die zweite Hälfte handelte dann davon, dass diese Geschichte (zu der man die Fragmente zusammenfügen will) letztlich auf einer anderen Art von Wissen beruhte – auf etwas, das sich nicht wie Erinnern anfühlt, sondern wie Faktenwissen, vermutlich weil  es  innerhalb der Familie immer wieder erzählt wurde. Tja, und auf einmal hatte ich doch eine Instanz der Gewissheit in meinem Text, hineingezaubert, ohne dass ich es wollte, was ich wirklich bemerkenswert finde. Und erkannt habe ich das erst, als die anderen Teilnehmer des Seminars mit dem Finger darauf zeigten.

Jetzt bin ich dabei, den Text umzuarbeiten. Und diese elende Gewissheit zu eliminieren.

8 thoughts on “Über Nichts schreiben

  1. Spontane Gedanken: Ich frage mich, woher der Drang zur Erinnerung überhaupt kommt. Wieso erscheint es so wenig hinnehmbar, mit Fragmenten, Bruchstücken, Lücken der Erinnerung weiterzuleben. Was treibt den Kampf um Eindeutigkeit an? Genauer, welche Instanz im sich erinnernden Selbst lenkt die Aufmerksamkeit darauf, eine Leere oder bloß Abwesenheit zu füllen, mit Wissen oder Fakten. Wo doch im Alltag Vieldeutigkeiten so häufig sind, dass wir ohne Nicht-Wissen, Halb-Wissen oder nur Meinen-dass gar nicht existieren könnten. Warum möchten wir diese Ambivalenz in uns selbst nicht zulassen?, sondern bewerten sie als Defizit, Lücke, Mangel. Wir könnten sie – wie so vieles andere – ignorieren, desinteressiert sein. Offenbar verstört es aber zu sehr, wenn Nicht-Greifbares, dessen Bedeutung für unser Leben in der Vergangenheit wir nur vermuten, nicht vor oder hinter eine bewertende Grenze gezogen werden kann. Heißt diese Grenze Bedrohung, Handlungsmacht oder Hinwendung zur Welt?

    Carlo

    • Das ist eine interessante Umkehrung der Fragerichtung, Carlo. Für mich hängt das Erinnern-Wollen ganz eng mit dem Erzählen-Wollen zusammen. Ich möchte erzählen können, was vorhin in der U-Bahn passiert ist – aber auch, wo ich geboren wurde; aus was für einer Familie ich stamme; was mich dazu gebracht hat, Biologie zu studieren und warum ich aufgehört habe … Wir stellen uns alle gegenseitig solche Fragen, bitten den anderen um eine Geschichte – aber wenn einer dann zu stammeln anfängt, „Äh, ja, also, das einzige, woran ich mich vage erinnere …“ dann bringt er oder sie das Gespräch schnell zum Stillstand. Oder? D.h. ich glaube fast, es ist umgekehrt: Normalerweise ignorieren wir die Lücken und die Tatsache, dass wir bestenfalls noch Bruchstücke in Erinnerung haben, und dass diese Bruchstücke nicht geschichtenförmig sind. Wir erzählen, als wüssten wir Bescheid. So erlebe ich es jedenfalls.

  2. Für mich geht es dabei um Sicherheit. Mein Gedächtnis ist so was wie eine Straßenkarte, die ich auswendig kann, so dass ich ohne fremde Hilfe durch die Stadt komme (ist aktuell gerade so hier in Thessaloniki 🙂 ). Wenn da plötzlich eine Lücke spürbar wird, kriege ich leise Panik: Wie heißt das Ding? Wie war das Wort? Wo ist das damals passiert? In Passau oder Hamburg? – Neulich ist mir plötzlich wirklich ein Wort entfallen. Ich hab mich gefragt, wie der Vorgang heißt, wenn die Waschmaschine den Waschgang beendet hat und sich jetzt die Trommel wahnsinnig schnell dreht. Ich wusste genau, was das ist, ich wusste sogar, dass wir, als ich noch klein war eine eigene klein Maschine hatten, die ich mochte, weil sie so gemütlich aussah und die so hieß wie das vermisste Verb. Ich bin halb wahnsinnig geworden darüber. Am Abend ist es mir einfach so wieder eingefallen: „Schleuder“!!! Ich war so erleichtert, es war ein Gefühl wie Heimkommen ins Vertraute.

    • Oh ja, solche plötzlichen Wortlücken kenne ich auch, und ich finde sie ähnlich beunruhigend bis empörend. Was dagegen vergangene Ereignisse betrifft (war das in Passau oder Hamburg?), ist mein Gedächtnis derart lückenhaft und unzuverlässig, dass es mich eher an eine Spitzenklöppelei erinnert – ich vermute, bei den Dingern ist man auch gut beraten, nicht zu kräftig an den Fädchen zu ziehen, weil man dann schnell nur noch Löcher in der Hand hat. Vermutlich beschäftigt mich das Thema deswegen.

  3. Es geht um Sinnhaftigkeit. Um Aufgehobenheit in etwas Zusammenhängendem, in einer Geschichte (Geschichten sind schlüssig: weil – dann, als – da, sie haben einen Anfang und ein Ende, einen Höhepunkt und eine Stimmung – tragisch, traurig, komisch). Sei es in der eigenen Biografie oder im Erlebnis der U-Bahnfahrt. Alles andere wäre kaum auszuhalten 🙂

    Also erzählen wir auf Teufel komm raus. Es ist sinnstiftend, und sei es nur zum Zweck der Unterhaltung. Man schafft Ordnung in der Welt, Lücken haben da nichts verloren. In die fällt man rein und taucht möglicherweise nicht wieder auf.

  4. In Sachen „elende Gewissheit eliminieren“ ist mir noch der vor ein paar Jahren bepreiste Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ eingefallen. Der Titel steht nicht nur für den näher rückenden Untergang der DDR/SU, sondern auch für Erinnerungen, die nicht mehr funktionieren. Ganz konkret: Ein Tag im Oktober 1989 kommt in diesem Buch immer wieder vor, aus den jeweiligen Perspektiven der zu einer Geburtstagsfeier versammelten Protagonisten. Zwei davon haben ihr Gedächtnis nicht ganz beieinander, das 80jährige Geburtstagskind und die geladene russische Babuschka, deren deutscher Wortschatz kaum ausreichen dürfte, um zu beschreiben, was sie tut. Ein Perspektivträger ist also dement, der andere kann sich nicht ausdrücken. Trotzdem schafft er Autor es, alle Informationen plus die jeweils besondere
    Stimmung rüber zu bringen.

    Das Buch kann ich insgesamt sehr empfehlen. Bloß der Autor – wie hieß er noch …?

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